Federzeichnung: Heinrich Heine in der Salzstadt Heinrich Heine 4
Heinrich Heine in der Salzstadt, März 2007, Federzeichnung von Friedrich Gross
Interpretation
Die linke Seite des Triptychons illustriert das Loreley-Gedicht. Der Künstler verzichtet auf das Klischee der ewig lockenden Blondine. Dagegen versinnbildlicht er mit Heine’scher Ironie : die „wundersame, gewaltige Melodei“
ihres Liedes, die den Schiffer „mit wildem Weh“ ergreift. Sie erscheint in Gestalt einer Lyra auf dem Felsenriff, die wie ein Ochsenschädel anmutet. Auch eine vordergründige Darstellung des Schiffers vermeidet der Künstler. Das Segel des Kahnes, den die Wellen verschlingen, trägt das Zeichen des Todes, das über die Linie des Mastes mit der schwarzen Sonne der Melancholie korrespondiert, welche die Szene überstrahlt.

Auf der rechten Seite setzt der Künstler unter einer Kartusche mit der Aufschrift „Fürstenthum Lüneburg“, wie man
sie oft auf alten Karten findet, die (falsche) Idylle des Lüneburg-Gedichtes „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ ins
Bild. Zu sehen ist Fachwerk, wie es den Hofflügel des Heine-Hauses ziert, das Mühlrad, dessen „fernes Gesumm“ der Dichter wahrnimmt, der „alte, graue Turm“ in romantisch typisierter Gestalt und Blumen als Reminiszenz an die „Lusthäuser“ und „Gärten“ des Gedichts. Auch sie gehören zu den Stereotypen der Romantik und werden von
Heine immer wieder beschworen. In der Ferne sieht man die Silhouette von Lüneburg mit dem Turm der St. Johan-
niskirche.

Auf der Mitteltafel des Triptychons schaut Heine, der „Poeta romanticus“, mit spitzer Nase und krausen Augen-
brauen sinnend vom Denkmalsockel. Vor ihm erkennt man die Mondsichel der Lüneburger Schutzgöttin Luna-Diana (Selene-Artemis) mit Pfeil und Bogen in der Form, wie sie die Mond- und Jagdgöttin auf dem Lüneburger Markt-
brunnen trägt. Die Spitzen schießt freilich ein anderer ab: der Dichter – auf die kleine Zielscheibe unterhalb der Stadtmarke.

Diese originelle und feinsinnige Grafik reflektiert wohl erstmals in der Geschichte der künstlerischen Heine-Rezep-
tion die thematische und formale Verwandtschaft der „Loreley“ mit dem Lüneburg-Gedicht „Mein Herz, mein Herz ist traurig“.

Interpretation: Werner H. Preuß